17.11.2020

Für alle Gefangenen standen, wenn möglich, Seelsorger in ihrer Religion zur Verfügung. Überliefert ist ein Bericht des Oberpfälzer Rabbinners Weinberg aus Neumarkt, der im Oktober 1914 am Bahnhof in Grafenwöhr eintraf. Er beschreibt das Leben im Lager, die vorhandene Infrastruktur, seine Sicht auf die fremden Nationen und die Gedanken und Gefühle der Gefangenen sowie der deutschen Soldaten bei seiner Ankunft folgendermaßen:

Ich fragte […] einen hochgebildeten jüdischen Gefangenen, […] ob ihm das Leben in der Gefangenschaft nicht oft recht einsam erscheine. „Durchaus nicht! Das Schaufeln und andere Arbeitsverrichtungen bereiten mir ein wahrhaftes Vergnügen und bringen mich über die Stunden der Einsamkeit hinweg.“ […]

Ich war in gewisser Verlegenheit, in welcher Weise ich den französischen Gefangenen gegenübergetreten, was ich ihnen sagen sollte. […]  Es war  […]   vorauszusehen, dass die Franzosen, bei ihrem „Modemismus“, aus dem sie hervorgehen, religiösem Zuspruch wenig zugänglich sein würden. Ich hatte mich allerdings ganz hierin geirrt. […]  Zur bestimmten Zeit fand ich mich in der angegebenen Baracke ein. In kleinen Gruppen wurden die Glaubensgenossen von Wachmannschaften aus den einzelnen Kompagnien herbeigeführt; im Ganzen etwa 35 Mann unter etwa 15 000 Gefangenen. Allen merkte man die Erregung des Augenblicks an. Sie standen noch unter dem frischen Eindruck der vorangegangenen Ereignisse und waren tief erfreut, dass jemand kam, um in der Fremde zu ihren Herzen zu sprechen. Mit ihnen waren einige deutsche Offiziere der Reserve und Unteroffiziere aus den Truppenteilen des Übungsplatzes erschienen, für die ja gleichfalls ein Gottesdienst an dieser Stelle, fernab von jeder Kultusgemeinde, ein langentbehrtes Ereignis war.

 

Die Gefangenen sahen alle noch ziemlich bekümmert aus und hatten noch nicht jenen lebensfrohen Ausdruck wiedergefunden, den ich bei meinen späteren Besuchen gerade bei den Franzosen sah. […] In tiefer Ergriffenheit, die sich auch auf die anwesenden deutschen Glaubensgenossen und Wachmannschaften übertrug, hörten die Angeredeten zu. Fast allen Gefangenen rollten die Tränen von den Wangen. Als ich mit der Aufforderung schloss, wer ein besonderes Anliegen habe, möge es mir vorlegen, erhob sich einer, der mir vorher schon durch sein ganzes Wesen angenehm aufgefallen war. Er war Algerier, wie noch zwei oder drei außer ihm. Sein Vater ist Rabbiner in Constantine. In sefardischer Aussprache bat er mich ihn zu benschen; und nun traten sie alle hervor und beugten ihr Haupt meinem Segen. […] Auch der modernistische französische Korporal schloss sich tief erregt der Reihe an. Er zog mich beiseite und bat mich, ihm zwei Wünsche zu erfüllen; der erste lautete dahin, ich möchte ihm Bücher über den Lehrinhalt des Judentums beschaffen. […] Seine zweite Bitte war, ich möchte ihm wahrheitsgetreu über den Stand der Kriegslage zu berichten. Ich schilderte ihm in wenigen Worten die Aussichtslosigkeit der französischen Hoffnungen. Da bedeckte er sein Gesicht und weinte bitterlich. […] Nun beteten wir Minchoh. […]. Alsdann schloss der Gottesdienst und die Gefangenen wurden in ihr Lager zurückgeführt.

Ich hatte noch einige Zeit, um mir das Treiben der Gefangenen anzusehen. Ich bemerkte, wie schön die gutmütigen oberpfälzischen Wachmannschaften mit den Franzosen auskamen; wie sie im geistigen Austausch sich bemüht, etwas Französisch zu lernen, wohingegen die Franzosen sich schon einen ganz annehmbaren Wortschatz aus dem oberpfälzischen Dialekt angeeignet hatten.

[…] Am 21. Dezember führte mich der Weg wieder nach der neu entstandenen Kehillah, die inzwischen bedeutenden Zuwachs erhalten hatte. Die Franzosen traten jetzt quantitativ ganz in den Hintergrund, denn von der Ostgrenze waren bereits beträchtliche Russentransporte eingetroffen. Einige Tausend, darunter etwa 70 Juden. Hier war nun Gelegenheit in viel positiverer Weise tätig zu sein; denn die östlichen Glaubensbrüder sind zum größten Teil in der echt jüdischen Sphäre aufgewachsen. Sie waren hocherfreut mich bei sich zu sehen. Die Verständigung mit ihnen war auch viel leichter, denn fast alle verstanden deutsch. Nur zwei  nicht, deren Erscheinung mich völlig frappierte. Männer, Hühnen an Gestalt, mit vollständigem russischem Urtypus, die mich mit dem verständnislosen Blick ansahen, den wir bei allen gefangenen Russen beobachten können, die sich in der west- oder mitteleuropäischen Umgebung, in die sie sich plötzlich versetzt sahen, nicht zurechtfinden können. […] Sie gehören den  […]  „Bergjuden“ oder auch „Kawkasjuden“ an, einem rein russischen Volksstamm im Kaukasus. […]Ich erklärte, ihnen auf Wunsch rituelle Kost zu besorgen, […] Nur zwei, etwas später eingetroffene, erhalten regelmäßig bis heute in jeder Woche mit Erlaubnis des Kommandos, ihre Kostsendungen mit Koscher-Fleischwaren. […] Ein französischer Zivilgefangener jammerte, er habe Sehnsucht nach seiner Frau und drei Kindern in der Heimat. Ein anwesender jüdischer deutscher Offizier wusste ihn mit dem wohlbegründeten Hinweis zur Einsicht in seine Lage zu verweisen, dass auch er bereits seit Monaten von Frau und Kind getrennt sei.

Bei meinem nächsten Besuch am 19. Januar 1915, traten in Grafenwöhr die Ergebnisse der Hindenburg’schen Siege in der hoch angeschwollenen Zahl von russischen Gefangenen sofort vor Augen. Meine Gemeinde war auf ca. 500 Seelen gewachsen. Ein Riesensaal in einem militärischen Wirtschaftsgebäude war für den Gottesdienst durch das Lagerkommando zur Verfügung gestellt. Zwei Riesenöfen waren den ganzen Vormittag gespeist worden, um einigermaßen den Raum zu durchheizen. Ein nichtjüdischer Unteroffizier hatte einen regelrechten „Altar“ für meine Zwecke aufgebaut und auch eine Kanzel in ziemlich primitiver Form errichtet. Die Franzosen verschwanden völlig in der Menge der Russen, die um die Mittagsstunde aus den einzelnen Kompagnien von den Wachtmannschaften hereingeführt wurden. Die Versammlung machte im Allgemeinen einen recht trüben, zum Teil ergreifenden Eindruck. Meist recht traurige Gestalten, resignierte […] Männer, die soeben ihr Leben für ihr Vaterland in die Schanzen geschlagen hatten, in dem sie zum großen Teil Gegenstand der Verfolgung und Entrechtung sind. Und die nun hier im Feindesland sind; fanden, was sie zuhause oft vermissten, eine zum mindesten gerechte Behandlung, die sich im vorliegenden Falle auch auf die religiöse Fürsorge erstreckte. Dazu der Gedanke an die heimatliche Familie, die Sorge um die Glaubensgenossen, die dort im Osten vielleicht wehrlosen Ausschweifungen der eigenen Kosakenregimenter ausgesetzt waren. Dann bei vielen die seelische Not.  […] Die meisten machte zudem in ihrer äußeren Erscheinung den Eindruck der Verwahrlosung, in der Kleidung sowohl, wie in der ganzen Verfassung.

Es erschien mir nicht leicht, in meiner Ansprache die der Augenblickstimmung angepassten Worte zu finden. […]  Ich vermied es, die Lage dieser Gefangenen noch etwas dadurch zu verschärfen, dass ich ihre Blicke auf die traurige Lage ihrer in Russland zurückgebliebenen und überhaupt auf das dortige Los der Juden lenkte. Auch dürfte es sicherlich verfehlt sein, ein Vaterland in den Augen von Gefangenen herabzusetzen, die für dasselbe soeben geblutet. […] Sie sind, willig der Kommandogewalt folgend, gezogen, wohin sie geführt wurden, allerdings, wie fast das ganze russische Heer, ohne einen rechten Begriff davon zu haben, warum. Wofür, für welche höheren Ideale sie sich opferten. ... Schlachtvieh! Diese russischen Juden hatten, im Gegensatz zu den französischen, jedes Selbstbewusstsein verloren, unter der Gewalt des heimischen Druckes. Verschüchtert und verängstigt standen sie da, bar jeder Hoffnung auf eine Zukunft, bar jeder frohen Erinnerung an die Vergangenheit.

Ich war dieses Mal in der Lage gewesen, eine große Anzahl von Gebetbüchern, Taleßim, Luchauß, auch mehrere Tefillin mitzubringen. […] Es entstand  eine wahre Schlacht um die genannten Gegenstände. Eine geraume Zeit verstrich, bis es den Bemühungen der Wachtmannschaften, […] gelang, das Chaos aufzulösen. […] Derartiges subordinationswidriges militärisches Verhalten, das auch bei den übrigen Gefangenen nichts Ungewöhnliches sein soll, lässt uns die ewigen Fehlschläge der russischen Armee einigermaßen verständlich erscheinen. […]

Nach Schluss des Gottesdienstes begab ich mich in das Gefangenenlazarett. In vier hochmodern mit allen Erfordernissen der Hygiene ausgestatteten Gebäuden sind dort alle die Russen und Franzosen untergebracht, die krank geworden oder als Verwundete vom Schlachtfeld aus hier eingeliefert wurden. Es bedarf bei einer deutschen Organisation keiner besonderen Betonung, dass absolute peinlichste Reinlichkeit hier herrschend ist. Helle luftige Räume und Gänge. In nichts unterscheidet sich dieses Lazarett von einem für deutsche Bevölkerung errichteten Friedenskrankenhaus. In den gewaltigen Höfen gehen die Genesenden in Gruppen spazieren, frei und ungeniert, fröhlich plaudernd und scherzend. Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dass sie hier zufrieden sind; und alle bestätigen mir dies. In den einzelnen Sälen lagen etwa 35 Glaubensgenossen mit den übrigen vermischt. Sehr viele von ihnen für alle Zeit Invaliden. Einer, ein Franzose, war bereits gestorben, ein anderer, ein Russe, folgte ihm bald danach. Sie wurden auf dem für die Gefangenen errichteten Friedhof beerdigt, wobei Israeliten das strenge Ritual einhielten. Sie versprachen mir auch, die beiden Gräber als jüdische kenntlich zu machen.

Ich ging an allen Betten herum und […] will es mir versagen, all das Elend zu schildern, das ich hier sah und das ja schließlich nicht größer ist als in den deutschen Militärlazaretten. Nur das will ich betonen, dass mir ausnahmslos bestätigt wurde und ich mich überall selbst überzeugen konnte, dass jeder einzelne sachgemäße ärztliche Behandlung und angemessene Pflege erhielt, Russen sowohl wie Franzosen. […]

 

 

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